Schule auf dem Weg zur Digitalisierung

Werden Lehrer*innen vor Ort aktiv unterstützt bei der Einführung von IT, schafft das Stabilität und Vertrauen in die eigenen Kompetenzen und beeinflusst positiv den Veränderungsprozess.

Der Projektrahmen

Zwischen Juli und Oktober 2018 arbeitete ich für die Schulgemeinschaft der Evangelischen Gesamtschule in Wittenberg. Der Umzug in ein neues Schulgebäude stand bevor. Die Freude, bald in schönen Räumen mit ausreichend Platz und mit moderner Ausstattung arbeiten zu können, war groß. Gleichzeitig stand das Kollegium vor der Frage „Wie sollen wir mit der ganzen Technik klar kommen?“

Welche Rolle hatte ich?

Die Evangelische Gesamtschule habe ich bereits seit ihrer Gründung 2011 bei Fragen zur IT ehrenamtlich beraten. Mit dem Umzug wurde die Schulgemeinschaft mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert, die nicht nur mit der IT zu tun hatten. Hier bin ich aktiv im Sommer 2018 eingestiegen und unterstützte vier Monate lang systematisch mit meinem Wissen als IT-Beraterin, Anforderungsmanagerin, Projektleiterin, Konzepterin und Trainerin. Mein wichtigstes Ziel dabei war die Stärkung des Kollegiums durch gemeinsamen Wissensaufbau.

Was waren meine Aufgaben?

Ich habe bei Themen unterstützt, die für den Schulbetrieb und die Weiterentwicklung wichtig sind, für die im Kollegium jedoch keine oder nur wenig Zeit vorhanden war oder wo das Wissen fehlte. Dazu gehörten die folgenden:

  • Nutzeranforderungen der Schulgemeinschaft an Digitalisierung / IT: Online-Befragungen, Kleingruppen-und Einzelinterviews zum Ist- und Sollzustand; Aufbau der Fragebögen; Durchführung, Auswertung und Präsentation; Integration der Ergebnisse in den Beratungs- und Konzeptprozess.
  • Evaluierung Lernmanagementsystem: Marktanalyse und Vergleich verschiedener Angebote, u.a. fronter.de, lernwelt.biz; Einführung Moodle (Landesinstanz Sachsen-Anhalt) und scook.de im Kollegium
  • Medienbildungskonzeption inkl. Qualifizierungskonzept: Gemeinsam mit der Schulleitung auf Grundlage des Strategiepapiers „Bildung in der digitalen Welt“ der Kultusministerkonferenz und des Landeskonzepts Sachsen-Anhalt zur digitalen Bildung sowie des Lehrer*innen-Feedbacks
  • Einführung eines Cloud-Systems „EmuCloud“ (Angebot des Bildungsservers Sachsen-Anhalt): Definition der Ablagestruktur / Namenskonventionen, Einführungsschulung für das Kollegium, Administration und Support.
  • Fortbildungstage „Fit fürs neue Schuljahr“ für das Kollegium: Konzeption/ Durchführung einer dreitägigen Schulung gemeinsam mit Carola Völkening zu den Themen: Teamstruktur /Leitbild, Selbstorganisation, Schuljahresarbeitsplan.
  • Aufbau Datenschutzmanagement: inkl. benötigter Dokumentationen, Aufbau schulinterner Handreichungen, Schulungen für Leitung und Kollegium.
  • Schulungen / Einzeltrainings für das Kollegium: u.a. Projektmanagement im Schulalltag, Datenschutz, Urheberrecht inkl. OER (Open Educational Resources), Bildungsserver-Angebote, Nutzung des Computers, Softwareanwendung Word, Excel, Outlook (in Einzeltrainings).
  • Beratung zum Thema „Digitales Lernen“ : Beteiligung an Initiativen und Weitergabe des Wissens für die Schulentwicklung, u.a. durch Teilnahme am Forum Bildung und Digitalisierung und an Angeboten des Hasso Plattner Instituts, Vorstellung aktueller eLearning-Online-Tools und Methoden, z.B. „flipped classrooms“, Online- Lerntagebüchern und e-Portfolios.
  • Konzeption, Umsetzung, Projektleitung, Support Website, Launch 2012, Relaunch 2018 www.evangelische-gesamtschule.de mit technischer Unterstützung von Eike Reifhardt.

Was waren die Herausforderungen und wie bin ich vorgegangen?

Es gab Unmengen von Themen, die ich hätte angehen können. Am Anfang der Projektzeit standen Themen auf dem Plan, die in der Praxis nicht realisierbar waren und welche, die auf einmal hohe Aufmerksamkeit hatten. Anspruchsvoll war die Auswahl und Priorisierung von Aufgaben, die ich (ohne viel Zeiteinsatz des Kollegiums) selbständig erledigen konnte und die gleichzeitig den höchstmöglichen Nutzen für die Schule brachten. Ich habe hierfür regelmäßig geprüft, wo das Kollegium steht bzw. „wo der Schuh drückt“. „Flexibilität“ war das Stichwort. So war z.B. in der Mitte meiner Projektzeit klar, dass die Einführung eines übergreifenden Lernmanagementsystems zum damaligen Zeitpunkt einfach noch zu früh war und es vielmehr darum ging, ein gemeinsames Verständnis für digitales Lernen zu schaffen und die Kolleg*innen individuell mit ihren IT-Themen abzuholen.

Was habe ich gelernt?

Meine wichtigste Erkenntnis: Lehrer*innen vor Ort aktiv stärken bei der Einführung von IT, schafft Stabilität und Vertrauen in die eigenen Kompetenzen und beeinflusst positiv den Veränderungsprozess.

Nach dieser Projekterfahrung weiß ich, wie sehr Theorie und Praxis auseinanderklaffen, wenn es um die Einführung von IT und digitalem Lernen in Schulen geht. Ich habe größten Respekt vor Lehrer*innen und ihrem Beruf bekommen. Ich habe erfahren, welche Anforderungs-Massen aus unterschiedlichsten Richtungen auf Schulen regelrecht einprasseln und dass diese Anforderungen auf keinen Fall allein durch ein Kollegium zu bewältigen sind, weder zeitlich noch vom Wissen her. Ich habe erneut verstanden, dass es bei der IT-Einführung um Menschen geht und ein System nur so gut ist, wie es von Anwender*innen bedient werden kann. Ich durfte erleben, wie sich die Stimmung entspannte, als Aufgaben von mir übernommen wurden, die nicht zu den Kernaufgaben von Lehrer*innen gehören und davor im Team Zeit und Energie fraßen. Und ich konnte sehen, wie offen sich Lehrer*innen zeigten für Themen, mit denen sie sich bisher gar nicht oder nur wenig beschäftigen konnten, entweder mangels Zeit oder mangels Zugang. Meine Anwesenheit vor Ort und die flexible Zusammenarbeit, ob nun in gemeinsamen Trainings oder in Einzelterminen, haben hier viel geholfen.


Seit Juni 2019 bin ich wieder Teil der Schulgemeinschaft und arbeite nun als Lehrerin für Wirtschaft, Informatik und Berufsorientierung. Die Aufgaben sind spannend und gleichzeitig herausfordernd. Was die IT-Ausstattung betrifft ist es großartig zu sehen, dass sich im Kollegium aus anfänglicher Skepsis gegenüber neuer Technik Offenheit entwickelt hat. Das Team besitzt eine gemeinsame Wissensgrundlage, probiert zusammen Schritt für Schritt aus, was mit IT im Unterricht möglich ist. Ich wünsche unserer Schulgemeinschaft weiterhin viel Erfolg.